Polyvalenz

Ein Sinnbild für Polyvalenz. Das sportliche Herzstück des White Turf bildet zweifellos der mit 111'111.- Franken dotierte Grosse Preis von St.Moritz, meist international besetzt und mit Pferden sehr guter Qualität beschickt. Allein diesen GP auf einen Sockel zu hieven und die anderen Prüfungen zum Rahmenprogramm zu degradieren, wäre indes grundfalsch. Die Rennen auf dem gefrorenen St.Moritzer See leben von der Vielfalt, und das Pferd als einer der bedeutendsten Träger in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit kann hier noch mehr als auf anderen Rennbahnen seine Polysportivität demonstrieren: als berittener Galopper wie auch als galoppierendes und trabendes Zugtier. Die Zeiten, in denen ein und dasselbe Pferd erfolgreich in Wettbewerben unterschiedlicher Genres eingesetzt wurde, sind zwar vorbei. Ein Tier wie Tschaur, der 1910 sowohl das Skikjöring als auch ein Trabrennen gewann, wäre heute undenkbar, denn das Spezialistentum ist im Sport mit Pferden analog zur Human-Athletik längst Tatsache.


Die Multitalente der Equiden und deren Vermögen, sich den Bedürfnissen des Menschen immer wieder neu anzupassen, faszinieren dennoch. Pferde können nicht nur schnell galoppieren oder traben, sondern auch hoch springen, piaffieren, einen Wagen ziehen, Lasten tragen oder 160 Kilometer in weniger als zehn Stunden zurücklegen. Seit Beginn der Rennen in St. Moritz steht das Pferd mitunter als Traber im Schaufenster. Damals bei der Premiere 1907 gelangte eine Prüfung über 5000 Meter zur Austragung, durchgeführt in drei Serien mit je drei Pferden, ohne Final. Die Fahrer erhielten «leichte, gefällige Norwegerschlitten, Typus 0, Sörensen und Christiana» zur Verfügung gestellt. Mittlerweile bringen die Fahrer ihre eigenen Renn-Sulkys mit ins Engadin und ersetzen die Räder durch Kufen. Waren diese einst aus Eisen geschmiedet und wie im Bobsport einer wahren Wissenschaft unterworfen, bestehen sie heute fast ausschliesslich aus Aluminium. Damit die Pferde auf dem Schnee nicht rutschen, werden ihnen spezielle Hufeisen mit Spikes verpasst. Konstitution und Form sind vorgeschrieben und reglementiert. Der Trabrennsport ist viel älter, als männiglich glaubt.


Archäologische Funde bezeugen, dass schon 1300 v. Chr. in Kleinasien Pferde eingespannt oder geritten wurden und sich in der Gangart Trab zu messen hatten. Bei den Griechen und Römern waren Renntraber indes unbekannt. Jüngere Aufzeichnungen von Trabrennen stammen aus dem 13. Jahrhundert, und zwar aus Norfolk. Der moderne Trabrennsport nahm seinen Anfang allerdings erst Ende des 18. Jahrhunderts. Während sich die Herausbildung und Förderung der Trabbegabung durch Training und Zucht in Europa auf die diagonale Fussfolge beschränkte, entwickelten sich in den USA analog dazu die so genannten Pacer, die noch schnelleren Passgänger. Wie die Galopp-Prüfungen sind am White Turf in St.Moritz auch die Trabrennen häufig international besetzt. Es sind jedoch stets auch Schweizer Ställe, die unvergessliche Akzente setzen. Die Präsenz von erfolgreichen Fahrern und Trainern aus dem Bündnerland macht die Meetings ausserdem zur lokalen Identifikations-Plattform.

Corinne Schlatter