Tierwohl beim White Turf

«Sicherheit hat für uns immer oberste Priorität» — Head of Racing Dennis Schiergen über Tierwohl beim White Turf

Der White Turf auf dem gefrorenen St. Moritzersee ist weltweit einzigartig. Dennis Schiergen, Head of Racing beim White Turf St. Moritz und selbst ehemaliger Jockey, erklärt, wie die Pferde auf die besonderen Bedingungen vorbereitet werden und welche Sicherheitsvorkehrungen greifen.

Pferderennen auf einem gefrorenen See sind spektakulär und unterscheiden sich deutlich von Rennen auf einer klassischen Rennbahn. Wie werden die Pferde auf die besonderen Bedingungen vorbereitet?
Die Vorbereitung beginnt bereits lange vor der Anreise nach St. Moritz. Die Pferde werden von ihren Trainingsställen gezielt auf die besonderen Anforderungen vorbereitet, beispielsweise hinsichtlich Ausdauer und Trittsicherheit. Beim Skikjöring wird zudem das Zusammenspiel zwischen Pferd und fahrender Person intensiv trainiert. Wichtig ist auch, dass die Pferde mit den besonderen Bedingungen gut zurechtkommen. Nicht jedes Pferd eignet sich gleich gut für Rennen auf Schnee.

Wie wird festgestellt, ob sich ein Pferd für Rennen auf Schnee eignet?
Entscheidend ist unter anderem, wie sicher sich ein Pferd auf dem ungewohnten Untergrund bewegt und wie gut es mit den Bedingungen zurechtkommt. Die Trainer kennen ihre Pferde sehr genau und können einschätzen, ob ein Start auf Schnee für sie geeignet ist. 

Welche besonderen Anforderungen gibt es an Hufe und Beschlag der Pferde auf Schnee und Eis?
Auf Schnee braucht es einen speziell abgestimmten Beschlag, damit die Pferde möglichst guten Halt haben. Für alle Starter der Galopprennen sind Hufeisen mit Spikes obligatorisch, um den nötigen Halt gewährleisten zu können. Diese müssen die Normen des Verbands erfüllen. Entscheidend ist, dass dieser optimal auf die besonderen Bedingungen auf Schnee abgestimmt ist.

Welche medizinischen Kontrollen durchläuft ein Pferd, bevor es beim White Turf überhaupt an den Start gehen darf?
Jedes Pferd wird vor seinem Start von einem unabhängigen, vom Verband nominierten Tierarzt begutachtet. Dieser kann ein Pferd jederzeit durch seine/ihre unabhängige Einschätzung vom Start zurückziehen. 

Wie ist die tierärztliche Versorgung während eines Renntages organisiert?
Während der Renntage haben wir ein spezialisiertes tierärztliches Team direkt vor Ort. Entscheidend ist dabei nicht nur die Anzahl der Tierärzte, sondern auch ihre Positionierung und klare Aufgabenverteilung. Die Pferde werden beim Start, während des Rennens und danach beobachtet. Sollte etwas passieren, können wir sehr schnell reagieren.

Was passiert konkret, wenn sich ein Pferd während eines Rennens verletzt?
Für solche Fälle steht direkt vor Ort ein spezialisiertes Team bereit. Dazu gehören Tierärzte des Tierspitals Zürich, der Grosstierrettungsdienst (GTRD) sowie ein Tierarzt des Verbands. Während der Rennen begleitet ein Tierarzt das Feld auf einem Skidoo und kann bei einem Unfall unmittelbar reagieren. Weitere Tierärzte sind am Rand der Rennbahn positioniert, sodass ein verletztes Pferd schnellstmöglich versorgt werden kann. Bei Bedarf wird zusätzlich der GTRD für den sicheren Transport des Pferdes beigezogen.

Mit welchen externen Fachpersonen und Institutionen arbeitet der White Turf beim Thema Tierwohl zusammen?
Wir arbeiten eng mit externen Fachpersonen und Institutionen zusammen – insbesondere mit dem Tierspital Zürich und dem Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit des Kantons Graubünden (ALT). Sie bringen ihre veterinärmedizinische und fachliche Expertise ein und unterstützen uns dabei, das Wohl der Pferde sicherzustellen.

Ein zentraler Punkt ist natürlich das Eis. Wie stellt ihr sicher, dass die Bedingungen auf dem St. Moritzersee für Pferd und Reiter sicher sind?
Die Eis- und Schneeverhältnisse werden vor und während des White Turf laufend mit verschiedenen Methoden kontrolliert. Dabei setzen wir unter anderem auf Radarmessungen und eine Drohne mit Infrarotkamera. Damit können wir nicht nur die Eisdicke messen, sondern auch mögliche Schwachstellen oder Feuchtigkeit zwischen Eis und Schneedecke erkennen. Zusätzlich führen wir an relevanten Stellen Probebohrungen durch. Die Ergebnisse werden von Fachpersonen beurteilt und die Rennbahn entsprechend präpariert oder die Streckenführung angepasst. Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann, finden keine Rennen statt.

Gibt es eine vorgeschriebene Mindesteisdicke und reicht die Dicke allein überhaupt aus, um zu beurteilen, ob das Eis sicher ist?
Eine vorgeschriebene Mindesteisdicke für den Bau der Zeitstadt ist 28cm. Üblicherweise ist das Eis im Bereich der Rennbahn zwischen 50 und 80 Zentimeter dick und wird von rund 50 Zentimetern gepresstem Schnee bedeckt. Die Eisdicke ist jedoch nur ein Faktor. Entscheidend sind v.a. auch die Beschaffenheit des Eises und der Schneedecke sowie mögliche Schwachstellen oder Feuchtigkeit zwischen den Schichten. Deshalb kontrollieren wir die Rennbahn mit verschiedenen Methoden, unter anderem mit Radar, Drohne und Probebohrungen. Erst wenn das Gesamtbild stimmt und die Spezialist:innen die Bahn freigeben, finden Rennen statt.

Wer entscheidet am Ende, ob die Rennbahn sicher genug ist und ein Rennen stattfinden kann?
Am Morgen jedes Renntages wird die Rennbahn von der See-Infra gemeinsam mit den Experten von Geo Grischa und Dr. Felix Keller umfassend überprüft. Erst wenn sie die Bahn freigegeben haben, wird diese an den White Turf übergeben. Die Freigabe basiert also auf einer unabhängigen fachlichen Beurteilung.

Was passiert, wenn die Bedingungen zwar grundsätzlich ausreichend sind, aber Zweifel bestehen?
Dann werden die Rennen abgesagt. Sicherheit ist bei uns nicht verhandelbar und oberste Priorität.

Das Skikjöring ist die aussergewöhnlichste Disziplin des White Turf. Welche besonderen Sicherheitsanforderungen bringt es mit sich?
Skikjöring stellt besondere Anforderungen an Pferd und Fahrer:in. Die Pferde werden deshalb gezielt auf diese Disziplin vorbereitet. Zusätzlich findet am Tag vor dem ersten Rennsonntag eine Abnahme durch die Skikjöring-Kommission statt. Jedes Pferd muss diese Prüfung bestehen, um für die Rennen zugelassen zu werden und die Zulassung wird jedes Jahr aufs Neue überprüft. Dies gilt auch für die Fahrer, diese müssen eine Lizenzprüfung ablegen. Diese muss wiederholt werden, sobald ein Fahrer 2 Jahre in Folge nicht gefahren ist. 

Seit 2025 kommt beim Skikjöring ein neu entwickeltes Hightech-Geschirr zum Einsatz. Wie funktioniert dieses System?
Es kann beim Skikjöring wie auch beim Ski fahren  zu Stürzen kommen, wobei das Pferd dann ohne den Fahrer weiterläuft. Deshalb haben wir gemeinsam mit Spezialist:innen ein neues Sicherheitssystem entwickelt. Sobald die Verbindung zwischen Mensch und Pferd unterbrochen wird, wird ein sogenannter Kill Switch ausgelöst: Zugleinen und Zügel werden automatisch vom Geschirr getrennt und fallen zu Boden. Dadurch reduzieren wir das Risiko, dass sich das Pferd oder andere Rennbeteiligte darin verfangen.

Kritiker:innen argumentieren, Pferderennen auf einem gefrorenen See seien grundsätzlich ein unnötiges Risiko für die Tiere. Was entgegnest du ihnen?
Ich verstehe, dass Menschen solche Bedenken haben. Gerade deshalb ist es wichtig zu erklären, welche umfassenden Kontrollen und Schutzmassnahmen hinter den Rennen stehen. Wir tun alles, um die Sicherheit der Pferde zu gewährleisten und gehen nie ein unnötiges Risiko ein. 

Beim White Turf 2026 musste nach einem Sturz ein Pferd eingeschläfert werden. Was bedeutet ein solcher Unfall für euch und welche Konsequenzen zieht ihr daraus?
Ein solcher Unfall ist für uns und alle Beteiligten sehr tragisch. Glücklicherweise sind schwere Unfälle beim White Turf aber höchst selten. Gleichzeitig wissen wir, dass sich Risiken im Pferderennsport nie vollständig ausschliessen lassen. Umso wichtiger ist es für uns, alles dafür zu tun, diese Risiken so weit wie möglich zu minimieren. Deshalb treffen wir umfassende Sicherheitsmassnahmen und analysieren jeden Vorfall minutiös, um zu prüfen, ob weitere Verbesserungen möglich sind. Das Wohl der Pferde und Jockeys steht immer an erster Stelle.

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