Tino Conrad

In meiner Kindheit kamen die Pferde mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz zu den Pferderennen und wurden ebenfalls in den Stallungen der verschiedenen Hotels untergestellt. Mein Vater war Pistenchef und die Rennbahn wurde mit einer von Pferden gezogenen Walze präpariert. Das war nicht ungefährlich und so ein Zweispänner ist auch mal im See abgesoffen.

Unser Urgestein

Als Schüler verkauften wir unter der Woche jeweils die Programme auf den Strassen und in den Hotels; an den Rennsonntagen jeweils auf dem Rennplatz. Später fuhr ich dann den Starterschlitten mit meinen zwei Islandponys. Am 6. Januar 1960 wurde die erste Raupenmaschine eingeführt, leider versank sie dabei im See: Mein Vater wurde in letzter Minute herausgezogen! Immer mal wieder brachen solche Pistenmaschinen ein und mussten in mühsamer Arbeit mit Dreibeinen herausgezogen werden.

Als ich das Amt des Pistenchefs übernahm, wollte ich diese Gefahren nicht hinnehmen. Sicherheit für Mensch und Tier waren mir immer am wichtigsten. Entsprechend haben wir Maschinen mit integrierten Schwimmern entwickelt und eingebrochene Maschinen mit Helikoptern geborgen. 17 Jahre war ich insgesamt für die Piste verantwortlich, im Jahr 2001 das letzte Mal. Ich weiss nicht, wie viele Nachteinsätze das gewesen sind. Wenn es schneite, dann stellte ich alle zwei Stunden den Wecker. War mehr als 10cm Schnee gefallen, ging ich runter auf den See und walzte den Neuschnee nieder. 

Früher fehlte dem Rennverein das Geld für den Bau von grossen Tribünen. Es gab einen Würstlistand und Glühwein. Es war alles sehr unkompliziert und unglamourös, ein Volksfest halt. Dann haben sich die Zeiten geändert: Es gab Zelte für die Verpflegung des edlen Publikums, sogar eine Gulaschkanone aus alten Armeebeständen wurde aufgestellt. Pelze wurden zur Schau getragen, oft begleitet von Hunden in passenden Mäntelchen und mit Schühchen.

Mir war am White Turf selber vor allem eines wichtig: das bestmögliche Geläuf abzuliefern. Das ging soweit, dass ich mal als Witz einen kleinen roten Teppich am Anfang der Piste legte und Herren, die zur Abnahme erschienen sind, darum bat, erst die Schuhe abzuputzen. Ruhig wurde ich jeweils erst, wenn der Grosse Preis ohne Unfall über die Runden gegangen war. Am dankbarsten bin ich noch heute meinen Feuerwehrkollegen von damals. Wann immer ich um Hilfe bat, kamen sie. Wir waren alle Voluntaris, da gespart werden musste. Ihre Hilfsbereitschaft werde ich nie vergessen.

Heute bin ich nur noch als Ehrenmitglied am White Turf zu Besuch. 

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